Tag Archives: LP: Erschauern/Begreifen

Ikonoklasmus II [und Nomenklasmus (?)]

„Ich bin, der ich bin!“

Das Bilderverbot hat dabei eine Parallele in der Namenlosigkeit Gottes. Denn Gott selbst hatte seinen Namen nicht preisgegeben:

„Und Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Kindern Israels komme und zu ihnen sage: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mich fragen werden: Was ist sein Name? – was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: „Ich bin, der ich bin!“ (hebr. אהיה אשר אהיה). Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: „Ich bin“, der hat mich zu euch gesandt. Und weiter sprach Gott zu Mose: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: Der Herr, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt; das ist mein Name ewiglich, ja, das ist der Name, mit dem ihr an mich gedenken sollt von Geschlecht zu Geschlecht.“ – (Ex 3,13-15 EU)

Die Textstelle hat für erhebliche Übersetzungsprobleme gesorgt. In der Vulgata lautet Vers 14: dixit Deus ad Mosen ego sum qui sum ait sic dices filiis Israhel qui est misit me ad vos. „Ich bin, der ich bin!“ dürfte demnach die wörtliche Übersetzung sein. Das hebräische Wort für „sein“ klingt an den Gottesnamen JHWH an. Der hebräische Name des Gottes Israels beruht auf dem hebräischen Wort hawa: sein, existieren. Andere Übersetzungsversuche lauten: „Ich werde sein, der ich sein werde“[3] oder „Ich-bin-da“.[4] Nach Erich Fromm ist die Nennung des Namens Gottes am besten mit „Mein Name ist Namenlos“ zu übersetzen.[5]

ikonoklasmus – zu LP: erschauern/begreifen

Kaiser Leo III. (717–741) war durch seine syrische Herkunft möglicherweise von orientalischen Vorstellungen beeinflusst, möglich ist auch, dass Leo der Meinung war, dass es unmöglich sei, das „göttliche Wesen“ in Bildern einzufangen. 726 ließ er, nachdem ein furchtbares Seebeben in der Ägäis gewütet hatte (durch den Ausbruch des Santorin wurde der Himmel mehrere Tage verdunkelt), in einem demonstrativen Akt die große goldene Christusikone am Chalke-Tor seines Kaiserpalastes abnehmen, was angeblich zu einem ersten Aufruhr in der Bevölkerung führte.

Da haben wir ja genau die verbindung zwischen der lecture peformance und deinem passionsspiel, äh osterstück. die erfahrung der dunkelheit steht am anfang der bilderskepsis-so kann man das lesen, auch wenn es historisch zweifelhaft wäre. was würde das bedeuten? durch die dunkelheit zur helligkeit ohne bilder. bei marcus steinweg heißt es sehr schön:

“Jede Entscheidung muss, um Entscheidung zu sein, durch die Dunkelkammer einer solchen Erfahrung.”

Er meint die Dunkelkammer der “totalen Orientierungslosigkeit des Subjekts”.

“Plötzlich befinde ich mich in dem, was man die Wüste der Freiheit nennen könnte, mache ich die Erfahrung einer Freiheit, die Erfahrung gültiger Orientierungsdlosigkeit.”

Beim zweiten Konzil, 787, wurde die Bilderverehrung wieder erlaubt. Man begründete dies mit der Lehre der Inkarnation, wie Johannes von Damaskus sie formuliert hatte: Weil Gott in Jesus Christus Fleisch wurde, eine konkrete, körperliche, menschliche Gestalt annahm, ist eine körperliche Darstellung möglich. Die Heiligen verkörpern je auf ihre Weise den Heiligen Geist. Christus und die Heiligen können nun bildlich dargestellt werden – im Gegensatz zum zweiten Gebot, das vor der Inkarnation von Jesus Christus galt.

Das meinte ich mit dem Menschen oder Jesus als Abbild und Fleischwerdung Gottes. Gott selbst malt/schafft ein Bild, nämlich Jesus, und dieses darf widerum reproduziert werden. Aber nur dieses! Deswegen ist das Acheiropoeiton, alos Jesus oder die Ikone von König Abgar, so wichtig.

Alle Ikonen sind demnach Abbildungen zweiter Ordnung. Bilder von Bildern.

Ich denke, dass dieser Gedanke im 15. Jahrhundert, also am Beginn der Neuzeit, ausgedehnt wird auf den Menschen und das menschliche Abbild allgemein. Demnach müstte jede Götterdarstellung (inklusive Jesus) eine Darstellung von Menschen sein, also Jesus oder Gott ALS MENSCH. Ich erinnere mich, dass die Frage auch bei der zeitgenössischen Kritik von Michelangelos Kirchenbildern eine Rolle spielt, weiß aber nicht mehr in wie fern.

BAUCHSCHNITT – Marlene Streeruwitz

In Mittelafrika gibt es einen Stamm, bei dem den jungen Männern zur Initiation der Bauch aufgeschnitten wird. Die Initianten müssen auf ihr und in ihr Inneres in der geöffneten Bauchhöhle blicken. Danach wird der Bauch wieder geschlossen. Und der junge Mann ist in die Gesellschaft aufgenommen. Mit allen Rechten des Mannes. Des Mann-Seins.

Ich hörte diese Geschichte im Radio. In einer Sendung über Medizin bei Naturvölkern. Die Berichterstatterin interessierte es, dass von der Prozedur des Bauchaufschneidens nur nadelspitzenfeine Narben zurückblieben. Dass es keine Infektionen gäbe. Und dass die Initianten aus der Ohnmacht, in die sie beim Anblick ihrer Eingeweide fielen, erfrischt und euphorisch wieder aufwachten. Sie wiesen keine Symptome oder Nachwirkungen eines Schockzustands auf. Kräuter und die Kraft der Suggestion wurden als medizinische Hilfsmittel angegeben. Dann führte der Bericht weiter zu Kopfoperationen im alten Ägypten. Und ich schaltete das Radio ab.

Ich hatte den Schock, der den Initianten erspart geblieben. Die Vorstellung, die Ältesten meiner Gesellschaft zwängen mich, mir den Bauch aufschneiden zu lassen, den Kopf anzuheben und in mein Inneres zu blicken. Diese Vorstellung macht mich immer noch schaudern. Ich müsste ansehen, wäre gezwungen dazu, das anzusehen, was ich zuinnerst bin, was sich mir aber immer verhüllt. Ich weiß nicht, ob mir eine Ohnmacht reichte, diesen Anblick, diese Situation zu bewältigen.

[…]

Was sieht der junge Mann in seinem Bauchinneren? Warum muss ihm das überhaupt gezeigt werden? Der geschundene Leichnam Jesu, an Klassenwänden hängend. Die zerwühlten Leichen aus Massengräbern, gezerrt in die täglichen TV-Nachrichten. Immer soll an die Möglichkeit des Todes gemahnt werden. Aber allgemein so. Der Blick der Initianten ins eigene Lebensinnere ist dagegen die Enthüllung des Körperinneren in aller Verletzlichkeit. Ist der Blick auf die eigene Endlichkeit. Auf den eigenen Tod. Ist der Blick auf jenes Ereignis also, dessen Einschätzung über unsere Einstellung zum Leben entscheidet. Und über die Funktion von Zeit und Freiheit in unserem Leben. Wie wir unseren Tod entwerfen, so wird unser Leben aussehen. […]

Unsere Tragödie ist natürlich genau diese Grundkonstellation: Dass auf das Leben der Tod folgt. Um wie viel einfacher sähe die Sache aus, könnte man zuerst sterben und dann leben. Eine Vorstellung übrigens, deren Verführungskraft sich die meisten Religionen zunutze machen. Wieviel einfacher wäre es, könnte man wissen und dann lernen. Erst zahlen und dann genießen. Sich erst voneinander trennen und dann zusammen leben.

Marlene Streeruwitz. Sein. Und Schein. Und Erscheinen. 1997. 7ff

Moses schaut Gott

Als Moses in Ägypten nach dem Anblicke Gottes verlangte und sprach: “Wenn ich also Gnade finde vor Dir, so offenbare Dich mir, so dass ich Dich deutlich sehe,”1 da hiess es: “Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch wird das Angesicht Gottes sehen und leben”,2 d.h. wer es sieht, wird sterben.

für heute abend

Mit Erschauern/Begreifen haben wir pobiert nicht nur wissen zu vermitteln, sondern auch “eine Erfahrung” dem Zuschauer zu bieten. Wir müssten nachforschen oder tiefer in Frage stellen, was wir genau damit verstehen. Wir machen eine Lecture-Performance die keine ist. Wir inszenieren ein Gespräch. Wir diskussieren miteinander. Wir zeigen Bilder und stellen uns selbst in diesen Bildern hinein. Rancière schreibt in le destin des Images dass es seit Aristotles eine Hierarchie gab zwischen Bild und Sprache wo, um es kurz zu fassen, die Sprache elaboriert und das Bild die Sprache illustriert. Das nennt er das representative Regim der Kunst. Im ästhetischen Regim der Kunst gibt es keine Hierarchie mehr.

Elimination radicale de la hiérarchie entre Verbe et chair. Le mot ne lie plus et l’image n’illustrent plus. Les éléments entrent dans une inter-relation significante qui fait exister les éléments en temps que tel, isolés (icônes) mais aussi dans la réalité nouvelle de leur interaction (montage). exemple le ventre de Paris: élaboration du boudin/récit de captivité. (aus meinen Notizen)

Die Erfahrung, die wir dem Publikum mit Erschauern/Begreifen bieten, geht in dieser Richtung. Ich wünschte mir, dass wir auf dieser Schiene weitermachten.

Noch ein Abgrund Crivellis

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Der Abgrund Crivellis

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Carlo Crivelli: “Hauptaltar des Domes von Ascoli, Polyptychon, mittlere Aufsatztafel: Beweinung Christi”, 1473. Tempera auf Holz. Dom Sant’ Emidio, Ascoli. Auftraggeber: Bischof Prospero Caffarelli

Wie kommt das Unsichtbare in die Kunst

Das ist eigentlich ein Nachtrag zu der Mannheimer Lecture. Wie kommt das Unsichtbare in die Kunst? Wahrscheinlich muss man ein Evangelit sein, um es so einfach zu haben, wie Lukas hier.
Jan Gossaert “Der heilige Lukas malt Maria mit dem Kind” von 1520

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Das Testament des Dr. Mabuse – Trailer

http://www.youtube.com/watch?v=9bLMRPpSToI

Man kann kaum glauben, dass dieser trailer von 1932 stammt. Ein Meisterwerk und ein schönes Beispiel transgressiver Praxis!

Die Metalepse der Erzähltheorie

In der Literaturwissenschaft wird von einer Metalepse immer dann gesprochen, wenn eine Erzählebene überschritten und durch Überlagerung, Spiegelung oder andere Verfahren verdoppelt oder sogar vervielfacht wird. Der Begriff wurde hier von Gérard Genette eingeführt, in “Discours du récit” (Figures III, 1972).

Bei Genette bezeichnet Metalepse das Überschreiten der Grenze zwischen erzählter und realer Welt, indem der Autor sich in das Geschehen einmischt, wie es im “auktorialen” Roman häufig geschieht, oder Figuren der Erzählung aus ihr in die Wirklichkeit (die hier selbst eine fiktive ist) heraustreten. Genette nennt Julio Cortázars Erzählung “Continuidad de los Parques” aus Final del Juego (dt. Ende des Spiels), in der die Figuren ihren Leser umbringen. In Métalepse von 2004 dehnt Genette diesen Ansatz auf die Beschreibung von Filmen und anderen Kunstwerken aus, z. B. Woody Allens The Purple Rose of Cairo.

Quelle Wiki